by Mania » Fri Jul 30, 2010 11:57 pm
Sie hatte gerade Coskun nach unten geschickt, als sie das Klopfen hörte. Der Messingklopfer schlug ziemlich hastig auf das Eichenbrett, und nach der Uhrzeit zu gehen, musste es ein schlimmer Notfall sein. Zumindest hoffte Mania das für den Besucher. Coskun war bereits am Gartengatter, als Mania dazu kam. Es war ein schlimmer Notfall, leider, musste Mania feststellen und als Darina war sie natürlich sehr besorgt. Die Wachen hatten vor den Toren einen Mann aufgegriffen, der scheinbar attackiert worden war. Viel Auskunft konnten ihr die Wachen allerdings nicht geben, und das bisschen, das sie von sich gaben, war doch sehr erratisch. Sie wies Coskun an, den Mann hinein auf die Behandlungstrage zu bringen und bat den Wachen eine gute Nacht, deutlich machend, dass sie nicht mehr gebraucht würden.
Wieder ein Opfer von Selbstüberschätzung, dachte sich Mania und betrachtete die Wunden. Langsam wurde sie stutzig, denn etwas an dem Mann stimmte nicht. Nach seiner Anatomie war er ganz offensichtlich ein Krieger, gewohnt eine Rüstung und ein Schwert zu tragen. Dennoch war er unter der Robe nackt. Und die Wunden sahen aus, wie von einer Buchseite, vielleicht noch feiner. Bis auf jene, auf seiner Brust, die viel tiefer schien als alle anderen. Vorsichtig tastete sie den Brustkorb ab und sah dann verwirrt zu Coskun. „Er trägt ein, ein, ein...“ und deutete dabei blass werdend auf seine Brust. Coskun war alles andere als zimperlich, als er die Wunde ein wenig erweiterte und den Gegenstand entnahm und es Mania gab. Ein gläserner Tropfen gefüllt mit einer roten Flüssigkeit lag in Manias Hand.
Es folgten seltsame Gespräche über Verlust, Hochmut und über Missgefallen, denn wie sich heraus stellte, war der Mann ein gesunkener Diener ihrer Herrin. Mania verband ihn und heilte so gut sie konnte die Wunden, dabei jedoch nicht von ihrer Schimpftirade ablassend und wies dann Coskun an, ihn raus zu begleiten, während sie mit einem leisen Gebet Illyra dankend einen weiteren Tropfen auf den Altar legte. Langsam ging sie rückwärts und schloss dann die Türen zum Altarraum, dabei die Runen wieder aktivierend, die den Raum schützten. Dann setzte sie sich hin und dachte nochmals an die Weisung Illyras, die sie an ihren nächsten Ort führen sollte.
„Das Wort führt zum nächsten Ort. Ein Ort des Glaubens auf dem Leib der toten Drachin, in der Nähe der beiden Elemente Feuer und Wasser und unweit der Festung der niederen Beinahe-Drachen.“
Ihre linke Seite schmerzte noch vom letzten Kampf mit der Todesfee, doch gerade als sie daran dachte, durchfuhr es sie wie ein Blitz. „Wasser Feuer, Echsen, aber natürlich.“, rief sie und rannte die Treppen hoch um ihre Kräuter zusammen zu packen. Sie würde alleine losziehen müssen, denn die Sonne war schon am aufgehen. Ein wenig unsicher und aufgeregt verliess sie ihr Haus und machte sich auf den Weg zu den Priestern und den Wachen Horidans. Sie verabscheute diese neunmalklugen Selbstrichter, doch hatte sie genug Verstand, sie zu fürchten. Angekommen begann sie nach und nach die Wachen hinter sich her zu locken, sie zu verwirren und im richtigen Moment anzugreifen. Die Jagd, wenn man es denn so nennen will, war anstrengend und ziemlich schmerzlich, wie sie bald feststellen musste. Die Wache hatte ihr Ziel nur knapp verfehlt und Mania dabei am Arm getroffen. Glücklicherweise war der Schlag schon fast ausgeklungen und Mania gut gerüstet, sonst hätte sie ihrem Arm wohl lebe wohl sagen können. Dennoch, als der Abend schon dämmerte, stand Mania allein mit dem Wachführer im oberen Stock und focht mit ihm wahrlich um Leben und Tod. Mania gewann. Mit müden, zittrigen Händen nahm sie ihm die kleine Kiste ab und lass wieder die Inschrift und damit ihr nächstes Rätsel.
Sie musste Schmunzeln, denn trug sie nicht gerade das bei sich? Sie gab die Runen ein und öffnete die Schachtel ohne weitere Probleme. Sie war bereits zu Hause als Coskun erwachte und sie ihm von ihrem Erfolg berichten konnte. Nochmals ging sie in den Altarraum, ihre Gebete sprechend und Illyra dankend, ehe sie sich zurück zog und sich hinlegte, müde, einschlafend noch beinah im Stehen und für den Rest des ganzen Tages im Land der Träume verweilte.
Aus dem tiefen Schlaf erwachend blinzelte sie ein paar Mal und blickte zufrieden umher. Sie hatten es schon weit geschafft und hatten bereits den Hinweis gefunden zum nächsten Ort. Sie erhob sich gemächlich und betrat ihren Arbeitsraum, wo sie die Schatulle selbst abgestellt hatte. Sie drehte sie um und lass die Inschrift auf der Unterseite:
„Auf dem Körper der toten Drachin, eine Burg auf einem Eiland im See, nicht zu erreichen mit Boot oder Brücke. Nur ein Weg führt hinab in die Tiefen der Burg, nur ein Weg führt auf die Insel. Ich hoffe, du magst die Geschöpfe der Familie meiner Schwester.“
Das wohin war nicht schwer, aber das wie. Auch hier konnte sie Coskun nicht mitnehmen, denn bei Nacht dort einzusteigen wäre fatal. Dennoch stellten sich ihre Haare auf, wenn sie an die vielen Wesen dort dachte. Die Spinnen waren wahrlich das kleinste Übel. Sie nutzte die Nacht um sich ein wenig mit Coskun abzulenken und bereitete sich bei Tagesanbruch vor. Sie würde, sollte sie es nicht schaffen, nicht leise untergehen, soviel stand schon fest. Mit einem beinah berstenden Reagenzienbeutel betrat sie die Spinnenhöhle und focht, wie lange nicht mehr. Kein Wächter des Horidan war so verbissen und gefährlich wie eine grosse Schreckensspinne, wie eine Schwarze Witwe und schon gar nicht wie er. Sie wusste nicht, wie lange sie auf die Lichtung gebraucht hatte, doch war es nach all den Kämpfen mehr ein Stolpern als ein Schreiten, welches sie auf die Insel führte.
Nach dem Stand der Sonne musste die Mittagszeit längst vorbei sein, sie hatte also viele Stunden damit verbracht, sich durch Spinnennetze zu kämpfen, dennoch war das nichts, verglichen mit dem, das nun vor ihr stand. Sie ging langsam durch die Hallen und auf den Eingang zur Hölle zu, wie sie es lieblich nannte. Schon bei den ersten Schritten hinab spürte sie, wie Tod sie umgab. Es war kein frischer Tod, es war ein modriger Gestank, der Geruch von Blut, der alles umwog und das Gefühl, dass man so schnell wie möglich fliehen sollte. Mania machte keinen Schritt, ihr Kopf musste dem Drang widerstehen und ihre Glieder zum bleiben zwingen. Dann noch ein Schritt, ein weiterer und sie sah ihn. Der Verräter, der Namenlose, richtete seine hohlen Augen in ihre Richtung und starrte sie mit inbrünstigem Hass an. Seine Schritte waren leiser als der Flügelschlag einer Motte und schneller als der Schlag der Drachenfliege, doch Mania war vorbereitet. Blitze schossen ihm entgegen, Feuerbälle und Flüche aus tiefsten Abgründen. Sie entzog ihm das bisschen Leben, das in seinen Adern floss, doch konnte sie damit nicht wirklich Schaden anrichten. Die Blitze jedoch, so sie trafen, schwächten ihn und machten ihn langsamer. Immer wieder suchte sie Schutz um sich zu sammeln, doch in der Zeit konnte er ebenso ruhen. Wieder und wieder massen sie ihre Kräfte und letztlich verbannte sie ihn dahin, wo er hergekommen war.
Sie hatte nicht viel Zeit, also trieb sie sich voran. Wächter der Finsternis standen ihr in den Weg, doch nach dem vorhergehenden Kampf waren sie ein leichtes Spiel. Letztlich fand sie bei einem Uralten Leichnam was sie gesucht hatte. Noch immer beschwingt durch ihren Sieg hastete sie nach oben und öffnete sich ein Portal, das sie nach Hause brachte. Die Kraft sich um das Rätsel zu kümmern hatte sie jedoch nicht mehr. Es waren viele Bäder, Kräuter und Salben nötig und viel Essen, bis Mania wieder wirklich bei Kräften war. Coskun war alles andere als begeistert davon, doch auch er wusste, dass das Ziel zu gross war, um nicht dafür alles zu geben. Vier Tage später lass Mania das Rätsel und weitere Vier Tage brauchte sie, um die Lösung zu verstehen. Das Rätsel selbst war nicht schwer gewesen, doch gab es keinerlei Hinweis auf das Nächste, bis sie verstand, dass die Lösung das Ziel war.
Als sie endlich dahinter gekommen war, war sie sowohl begeistert wie bestürzt, wie in aller Welt sollte sie denn das bewerkstelligen? Bis sie schliesslich merkte, dass Illyra nicht nur sie, sondern auch Darina, ihre Maske, testen wollte. Immer wieder ging sie auf und ab in ihrem Arbeitszimmer, nachdenkend, nachzählend bis sie schliesslich zufrieden war mit ihrem Plan. Es würde gehen, sofern er genug Aberglaube besass, falls nicht, würde sie andere Wege kennen. Mit einem ihrer guten Kleider machte sie sich auf den Weg gen Friedhof um dem Henker einen Besuch abzustatten. Etwas irritiert, da er doch recht selten Besuch bekam, öffnete er die Türe. Darina setzte ihr harmlosestes und freundlichstes Lächeln auf und grüsste ihn herzlich.
Es war ein langes hin und her, bis sie endlich das Vertrauen des Henkers hatte, oder zumindest ein wenig davon. Sie hatte ihm gesagt, dass er sich die Tage der Reinigung wählen kann, dass der Axt nichts passieren würde, während sie nach der ersten Untersuchung Coskun losgeschickt hatte, auf dem Schwarzmarkt einen fähigen Juwelenschleifer zu finden, der den Tropfen nachbauen könnte und auf Geheiss am letzten Tag den Tropfen in die Axt einfügen könnte. Dass der Mann nach dem Handel nicht mehr lange zu leben haben würde, musste er ja noch nicht wissen. Jeder konnte in ein Rudel Wölfe geraten, oder waren es Bären gewesen? Nun, um einen Schwarzmarkthändler wurde selten lange geweint. Es war viel Arbeit, noch mehr Geduld und noch viel mehr Selbstbeherrschung, übte die Axt eine kaum zu bändigende Anziehungskraft auf Mania aus. Was sich am längsten hingezogen hatte, war die Inschrift, denn lange hatte Mania sich davor geziert, das Blatt anzufassen, doch als sie endlich dazu bereit war, eröffnete sich durch Verschiebung der Runen das nächste Ziel. Bald war die Zeit da, bald.